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Eine Zahl für 3,7 Millionen passt nicht mehr zu dieser Branche
Beide Tarifparteien sagen, dass die Branche gespalten ist. Beide haben schon ein Instrument, das nach der Lage des Betriebs unterscheidet. Die Tarifrunde 2026 sollte daraus eine Regel machen, statt über eine Einheitszahl zu streiten.
Von Helene Marquardt, Redakteurin Strategie & Führung, Gespräche3 Min. Lesezeit
Standpunkte sind gekennzeichnet und geben die Meinung der Redaktion wieder.

Ein Standpunkt von Helene Marquardt.
In der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie sind sich beide Seiten in einem Punkt einig, ohne es zu sagen: Die Branche gibt es als eine Lage nicht mehr. Die IG Metall schreibt in ihrem Forderungsbeschluss vom 23. September, zwei Drittel der Unternehmen hätten einen guten oder sehr guten Auftragsbestand, ein Drittel eine schlechte oder sehr schlechte Lage, vor allem in der Autoindustrie und im Maschinenbau. Gesamtmetall rechnet dagegen, dass die boomenden Teilbranchen Luft- und Raumfahrt, Rüstung und Schiffbau nur etwa 4,5 Prozent der Beschäftigten stellen. Man streitet über die Gewichte. Dass die Lage auseinanderfällt, bestreitet niemand.
Mein Standpunkt: Wer das so sieht, sollte in dieser Runde weniger über die Prozentzahl verhandeln und mehr über die Regel, die sie je nach Betrieb verändert. Differenzierung nach der wirtschaftlichen Lage gehört in den Kern des Flächentarifs, nicht an seinen Rand.
Die Bausteine liegen schon auf dem Tisch
Beide Seiten haben dafür bereits ein Werkzeug, nur jeweils für die eigene Richtung. Die Arbeitgeber haben seit dem Tarifabschluss 2021 die Automatische Differenzierung. Liegt die Nettoumsatzrendite eines Unternehmens unter 2,3 Prozent, kann es nach Darstellung von Gesamtmetall einen tariflichen Entgeltbaustein verschieben und am Ende selbst entscheiden, ob er entfällt. Die Kennzahl ist objektiv nachprüfbar, ein Mitspracherecht der IG Metall besteht dabei nicht.
Die IG Metall verlangt 2026 zum ersten Mal eine tarifliche Gewinnbeteiligung in Betrieben mit guter wirtschaftlicher Lage. Tarifvorständin Nadine Boguslawski formuliert es so: „Wer außergewöhnlichen Erfolg erarbeitet, soll auch am Erfolg beteiligt werden.“ Das ist der Spiegel der Automatischen Differenzierung, nur nach oben.
Zusammengelegt ergibt das eine symmetrische Regel. Unter einer Renditeschwelle gibt es weniger, über einer zweiten Schwelle mehr, dazwischen gilt die Tabelle. Maßstab wäre eine Kennzahl aus dem Jahresabschluss, die ein Betriebsrat ebenso prüfen kann wie ein Arbeitgeberverband.
Die Gegenposition
Gegen diesen Weg gibt es zwei ernsthafte Einwände. Der erste kommt von der Gewerkschaftsseite: Ein Flächentarif soll verhindern, dass Betriebe über die Löhne konkurrieren. Je mehr vom Entgelt an der Rendite hängt, desto mehr wird der Tarif zur Betriebsvereinbarung, und das schwächt die Ordnungsfunktion, für die es ihn gibt. Das Argument ist richtig. Es trifft aber schon auf die heutige Automatische Differenzierung zu, und die hat die IG Metall in mehreren Runden mit abgeschlossen.
Der zweite Einwand kommt von Gesamtmetall. Präsident Udo Dinglreiter sagt, man habe in dieser Runde „nicht den Luxus, über die Verteilung von Zuwächsen zu verhandeln“. Der Verband verweist auf 350.000 verlorene Arbeitsplätze seit 2019 und eine Beschäftigung von 3,715 Millionen im Juli, dem tiefsten Stand seit Januar 2014. Wer so rechnet, will keine neue Zahlung einführen, auch keine bedingte. Nur: Eine Gewinnbeteiligung, die erst über einer Renditeschwelle greift, kostet ein Unternehmen in der Krise nichts. Sie kostet nur die Betriebe, denen es gut geht, und die gibt es nach den Zahlen beider Seiten.
Was daraus folgt
Eine Einheitszahl für mehr als 3,7 Millionen Beschäftigte zwingt beide Seiten, über einen Durchschnitt zu streiten, den kaum ein Betrieb hat. Das Risiko ist ein Abschluss, der Krisenbetrieben zu teuer und Boom-Betrieben zu billig ist. Die Tarifparteien könnten das vermeiden. Sie haben Zeit bis zum 31. Oktober, dann endet die Friedenspflicht.
Mein Standpunkt richtet sich nicht an die Verhandlungsführer, sondern an die Struktur. Eine Regel, die an eine prüfbare Kennzahl knüpft, nimmt beiden Seiten ein Stück Rhetorik weg. Genau deshalb wäre sie ein Fortschritt.
Quellen
- IG Metall: Forderungsbeschluss vom 23. September 2026, Lage der Betriebe, Gewinnbeteiligung
- Gesamtmetall: Statement von Präsident Udo Dinglreiter, Anteil der Boom-Branchen an den Beschäftigten, 23. September 2026
- Gesamtmetall: Automatische Differenzierung, Schwelle 2,3 Prozent Nettoumsatzrendite, seit 2021
- Gesamtmetall: M+E-Beschäftigung im Juli 2026, 21. September 2026
Quellen
- IG Metall: IG Metall: Forderungsbeschluss Tarifrunde Metall und Elektro 2026, 23. September 2026(23. September 2026)Tier 2
- Gesamtmetall: Gesamtmetall: Statement Udo Dinglreiter zum Forderungsbeschluss, 23. September 2026(23. September 2026)Tier 2
- Gesamtmetall: Gesamtmetall: Dauerhafte Automatische Differenzierung(23. September 2026)Tier 2
- Gesamtmetall: Gesamtmetall: Auch im Juli gingen über 10.000 Arbeitsplätze in der M+E-Industrie verloren, 21. September 2026(21. September 2026)Tier 2